Stagflation: Ölpreis-Schock bedroht Konjunktur?
Stagflation: Eine Rückkehr der 1970er Jahre?
Der Anstieg des Ölpreises auf 100 Dollar pro Barrel und eine nahezu stagnierende Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt schüren die Angst vor einer Stagflation in den USA. Diese Kombination aus hoher Inflation und geringem Wirtschaftswachstum stellt eine besondere Herausforderung dar, da konjunkturbelebende Maßnahmen wie Zinssenkungen oder staatliche Ausgaben die Inflation zusätzlich anheizen könnten. Anhaltend hohe Preise könnten sich negativ auf den Arbeitsmarkt und den Konsum auswirken, der rund zwei Drittel der US-Wirtschaft ausmacht.
Erik Norland, Chefökonom der CME Group, äußert sich besorgt:
"Ich bin schon seit Längerem besorgt über die Gefahr einer Stagflation, da es so viele verschiedene inflationäre Kräfte in der Wirtschaft gibt. Wir haben enorme Haushaltsdefizite, eine Inflation über dem Zielwert, und die Zentralbanken lockern trotzdem ihre Politik. Und dazu kommt noch ein Ölpreis von 100 Dollar pro Barrel."
Die Sorge vor einer längeren Auseinandersetzung im Nahen Osten belastete die Märkte zusätzlich. Der Preis für US-Rohöl (WTI) stieg zu Beginn der Woche erstmals seit 2022 auf über 100 Dollar pro Barrel, bevor er im Laufe des Nachmittags wieder etwas nachgab.
Arbeitsmarkt und Inflation im Blick
Der Anstieg der Energiekosten erfolgte kurz nachdem das Bureau of Labor Statistics bekannt gegeben hatte, dass die US-Wirtschaft im Februar 92.000 Stellen verloren hat und die Arbeitslosenquote auf 4.4% gestiegen ist. Diese schwachen Zahlen bestätigen den Trend eines stagnierenden Stellenwachstums, der bereits Anfang 2025 begann und die Befürchtung nährt, dass die zuvor starke Wachstumsphase nun vorbei sein könnte. Das gesamte Stellenwachstum für das Jahr 2025 betrug 116.000 und lag damit 5.000 unter dem monatlichen Durchschnitt des Vorjahres.
Gleichzeitig lag die Kerninflation, gemessen am bevorzugten Indikator der Federal Reserve (Fed), zuletzt bei 3%, was 1 Prozentpunkt über dem Ziel der Zentralbank liegt.
Eine ähnliche Ölpreis-bedingte Stagflation erlebte die Wirtschaft zuletzt im Jahr 2022 nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine, die jedoch nicht mit der schweren Krise der 1970er Jahre vergleichbar war. Auch im April 2025 kamen ähnliche Befürchtungen auf, als die Regierung von Donald Trump aggressive Zölle erhob.
Die Reaktion der Fed und die weitere Entwicklung
Die meisten Ökonomen und Wall Street-Strategen sehen die Dauer der aktuellen Situation als entscheidenden Faktor an. Sollte sich die Situation im Iran innerhalb weniger Wochen lösen lassen, wie von Präsident Donald Trump versprochen, dürfte der Stagflations-Schock begrenzt bleiben. Terminkontrakte für Öl deuten zwar auf sinkende Preise im Laufe des Jahres hin, aber diese Prognosen sind nicht immer zuverlässig.
Jim Caron, Chief Investment Officer of Portfolio Solutions bei Morgan Stanley Investment Management, erklärt:
"Höhere Ölpreise, höhere Inflation, das führt zu einem Schock. Aber wenn die Ölpreise lange genug hoch bleiben, wird daraus eine Wachstumsangst, so dass die Anleiherenditen zu sinken beginnen. Wenn die Anleiherenditen sinken, weil die Leute sich Sorgen um das Wachstum machen, dann befindet man sich im Stagflations-Modus."
Ed Yardeni, Gründer von Yardeni Research, schätzt die Wahrscheinlichkeit einer Stagflation im Stil der 1970er Jahre auf 35%, da der Konflikt mit dem Iran "der jüngste Stresstest für die Widerstandsfähigkeit der US-Wirtschaft seit Beginn des Jahrzehnts" sei.
Vor dem Angriff der USA und Israels auf den Iran rechneten Händler mit einer ersten Zinssenkung der Fed im Juni, mit mindestens einer weiteren Senkung bis zum Jahresende. Diese erste Senkung wurde nun auf September verschoben – frühestens Juli – und es wird keine zweite Senkung im Jahr 2026 erwartet. Der implizite Leitzins am Ende des Jahres liegt nun bei 3.21% gegenüber derzeit 3.64%.
Eugenio Aleman, Chefökonom bei Raymond James, kommentiert:
"Dies ist wahrscheinlich das schlimmste Szenario für die Geldpolitik, und wir werden wahrscheinlich den Begriff Stagflation zusammen mit einer 'iranischen Krise' wiederholt hören. Wir glauben nicht, dass dieses neue Szenario die Fed-Beamten dazu veranlassen wird, ihre Meinung zur Geldpolitik vorerst zu ändern, und dass sie abwarten werden, um mehr Daten über die Risiken für ihr duales Mandat zwischen Inflation und Beschäftigung zu erhalten."
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