Warum die Bank of Canada trotz steigender Preise und schrumpfender Wirtschaft die Füße still hält
Die Teuerung liegt wieder über dem Zielwert, die Wirtschaft ist das zweite Quartal in Folge geschrumpft, und die Notenbank wird voraussichtlich gegen beides nichts unternehmen. Genau dieses Spannungsfeld beschäftigt die Märkte vor der Zinsentscheidung der Bank of Canada am Mittwoch, bei der ein fünfter Zinsbeschluss ohne Veränderung praktisch feststeht.
Auslöser des erneuten Preisdrucks ist die Energie. Ein kräftiger Anstieg der Rohölnotierungen hat die Gesamtinflation zurück über das 2-Prozent-Ziel der Notenbank getrieben. Der Haken dabei: Die Währungshüter haben keinen Einfluss auf die globalen Ölmärkte, und bislang gibt es kaum Belege dafür, dass teurere Energie in die breiteren, hartnäckigeren Komponenten des Inflationskorbs durchsickert.
Weshalb die Notenbank abwartet
Die binnenwirtschaftlichen Daten sprechen für Geduld. Die von der Notenbank bevorzugten Kernraten fielen im April durchweg schwächer aus als erwartet und dämpften jeden Appetit auf eine straffere Gangart. Das Wachstum enttäuschte in dieselbe Richtung. Das BIP gab im ersten Quartal annualisiert um 0,1 Prozent nach, der zweite Rückgang in Folge nach einem Minus von 1 Prozent im vierten Quartal. Damit verfehlte die Wirtschaft die April-Projektion der Notenbank von einem Plus von 1,5 Prozent deutlich.
Wer genauer hinsieht, erkennt ein weniger düsteres Bild als die Schlagzeile vermuten lässt. Klammert man die stark verlangsamte Bevölkerungszunahme aus, legte das Pro-Kopf-BIP im ersten Quartal sogar zu, während die gesamten Konsumausgaben um solide 1,5 Prozent stiegen. Höhere Ölpreise treiben zwar die Kosten an der Zapfsäule, sie spülen aber auch Einnahmen in die Volkswirtschaft.
Hier zahlt sich eine weniger beachtete Kennzahl aus. In früheren Phasen großer Ölpreisschwankungen stützte sich die Notenbank auf das reale Bruttoinlandseinkommen, im Kern also die Menge an Gütern und Dienstleistungen, die die heimische Produktion tatsächlich kaufen kann. Dieser Wert sprang im ersten Quartal um 2,7 Prozent nach oben, weil ein Ölpreissprung dafür sorgt, dass dieselbe Exportmenge einen größeren Stapel an Importen erstehen kann.
Ein Arbeitsmarkt im langsamen Wiederaufbau
Der Arbeitsmarkt erzählt von schrittweiser Erholung statt von einem Einbruch. Die Arbeitslosenquote sank im Mai auf 6,6 Prozent, nach 6,9 Prozent im April. Die Entlassungen gingen weiter zurück, und die geleisteten Arbeitsstunden stiegen nach einem flachen April um 0,6 Prozent. Die immer noch verhaltene Einstellungsdynamik und die Schwierigkeiten neuer Bewerber hinterlassen jedoch genug Risse, sodass die Notenbank den Leitzins in keine Richtung rasch bewegen muss.
Das Basisszenario lautet: unveränderte Zinsen für den Rest des Jahres 2026, wobei der nächste Schritt eher in Richtung einer Anhebung kippt, jedoch nicht vor 2027 und nur, falls sich Wachstum und Beschäftigung festigen.
Die Datenflut rund um den Beschluss
Der Außenhandelsbericht für April am Dienstag dürfte zeigen, dass die Exporte um 1,1 Prozent zulegten, während die Importe stagnierten. Der Überschuss weitet sich damit voraussichtlich auf 2,5 Milliarden Dollar aus, da der Ölpreis im Monatsverlauf um mehr als 7 Prozent kletterte und die Fahrzeuglieferungen anzogen.
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| BIP Q1 (annualisiert) | -0,1 % |
| Reales Bruttoinlandseinkommen Q1 | +2,7 % |
| Arbeitslosenquote Mai | 6,6 % |
| Handelsüberschuss April (erwartet) | 2,5 Mrd. $ |
Die Volkswirtschaftlichen Vermögensbilanzen am kommenden Freitag dürften zeigen, dass das Nettovermögen der Haushalte im ersten Quartal weiter wuchs, wenn auch langsamer, gestützt durch einen Anstieg des CREA-Hauspreisindex um 0,7 Prozent nach drei aufeinanderfolgenden Quartalsrückgängen. Die Gewinne bei Finanzanlagen legten vermutlich eine Pause ein, da der S&P 500 fiel, während der S&P/TSX Composite weiter besser abschnitt. Südlich der Grenze könnte die US-Gesamtinflation im Mai durch steigende Spritpreise angezogen haben und erstmals seit drei Jahren die Marke von 4 Prozent überschreiten, während die Kerndienstleistungen ohne Wohnen Anzeichen einer fortgesetzten Beschleunigung zeigten.
Worauf das große Geld blickt
Die Lesart für den Markt ist einfach, lässt sich aber leicht falsch deuten: Verwechseln Sie einen angebotsgetriebenen Preisschub nicht mit einem echten Inflationsproblem. Die Notenbank tut dies erkennbar nicht, und diese Haltung nimmt sowohl eine baldige Senkung als auch eine baldige Anhebung vom Tisch.
Für Händler sind der kanadische Dollar und die kurzlaufenden kanadischen Zinsen die aktiven Instrumente. Eine Notenbank, die zwischen hohen Energiepreisen und stockendem Wachstum eingeklemmt ist, neigt dazu, eine seitwärts tendierende Währung zu produzieren. USD/CAD dürfte dabei mehr Richtung von der Rohölentwicklung und der US-Inflationsüberraschung als von Ottawa beziehen.
- Energie-Optimisten mit Blick auf Brent und WTI sollten Kanadas verbesserte Energiehandelsbilanz beachten, ein leiser Rückenwind für den Loonie, falls das Öl seine Gewinne hält.
- Das zu beobachtende Risiko sind die Kerndienstleistungen. Beschleunigt sich die zugrunde liegende Teuerung, also der Teil, den die Notenbank tatsächlich steuert, parallel zur ölgetriebenen Gesamtrate, bekommt das Halteszenario Risse und die Zinserwartungen preisen sich rasch neu ein.
- Auch die Arbeitsmarktdaten verdienen Aufmerksamkeit. Die schwache Einstellungsdynamik ist die verwundbare Flanke dieses ansonsten widerstandsfähigen Bildes.
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